Liebe Leserinnen und Leser,
nach einer längeren Informationspause melde ich mich wieder live aus dem Busch Nigerias:)
Eines kann ich euch schon verraten, mir geht es sehr gut soweit! Es passiert hier von Woche zu Woche nur so viel, dass ich gar nicht dazu komme euch alles mitzuteilen… Und jetzt weiß ich mal wieder nicht wo ich Anfangen soll.
Also nachdem ich die Rundmail mit der Geschichte des an Polio erkrankten Samuel losgeschickt hatte, ist ja schwer was ins Rollen gekommen und dafür möchte ich mich bei euch allen von ganzem Herzen bedanken!!! O SE! (Danke auf Yoruba, sprich: osche)
Keiner konnte hier so wirklich glauben, was gerade in Deutschland passiert ist. Aus dem Nichts wurde ein passender Rollstuhl für den Bub organisiert, der dank Gummibereifung extra unseren Straßenverhältnissen angepasst wurde. Und es kamen 800,- Euro (!) zusammen, von denen bereits ein Physiotherapeut bezahlt wurde und Samuel nun auch die Möglichkeit hat eine rollstuhlgerechte Schule zu besuchen.
Nachdem meine Gastmutter mit Sack und Pack aus Deutschland zurückkam und den Zoll ohne Probleme passieren konnte, sind wir als erstes ins Krankenhaus gefahren, um Samuel die tollen Nachrichten zu übermitteln, denn er hatte von all dem überhaupt keine Ahnung. Nach jahrelangem auf dem Boden vegetieren, war der Krankenhausaufenthalt schon etwas besonderes, genauso wie in einem Bett zu liegen, aber seine Zukunft stand in den Sternen oder wie die Leute hier sagen liegt in Gottes Hand. Es waren EURE Hände, die es möglich gemacht haben, dass Samuel nun eine Perspektive hat!
Ich saß an seinem Bett und habe ihm den Brief von meiner deutschen Mama übersetzt und ihm mitgeteilt, dass meine Familie und Freunde ihn unterstützen wollen und dass ihr dafür gesorgt habt, dass er nun nicht mehr ans Bett gefesselt ist, sondern selbständig mit dem Rolli umherkurven kann und er seinen Schulabschluss an einer speziellen Schule für gehbehinderte Kinder und Jugendliche machen kann.
Er wusste gar nicht was er sagen soll, da er mit so etwas nie gerechnet hätte! Mit feuchten Augen hat er dann gebetet, für jeden einzelnen für euch. Dann habe ich ihm ein Familienfoto von uns geschenkt woraufhin er meinte, dass er jetzt wieder eine „Family“ hat auch wenn die Hautfarbe nicht ganz die selbe ist:)
Und soll ich euch was sagen? Als ich Samuel das erste Mal sah, lag er im Bett und konnte sich nicht aufrichten. Gestern war ich noch mal im Krankenhaus und dort konnte er sich schon selbständig in den Rolli setzen, die Bremsen lösen und durch die Gegend brausen. Wahnsinn! Und dann habe ich noch eine der nur 5 Schulen im ganzen Land besucht, die rollstuhlgerecht aufgebaut ist, um mich vorzustellen und ein Anmeldeformular abzuholen. Es ist nicht einfach dort einen Schulplatz zu bekommen, die Rektorin jedoch war so begeistert von der Geschichte und der Hilfsbereitschaft aus Deutschland, dass Samuel sehr gute Chancen hat Anfang nächsten Jahres eingeschult zu werden! Ein Engländer hatte die Oluyole-Schule in den 50er Jahren gegründet und diese wird jetzt unter nigerianischer Leitung weitergeführt. Schule, Wohnen und Klinik befindet sich alles auf einem Gelände und somit wäre Samuel dort rundum versorgt!
Ich habe Peter, einem anderen Freiwilligen der zurück nach Deutschland geflogen ist, eine kleine Powerpointpräsentation mit vielen Bildern (auch von Samuel) mitgegeben, wer also Interesse hat, kann sich diese dann gerne geben, zuschicken oder wie auch immer lassen:) Am besten einfach bei Katrin oder Sabrina melden. (Pele, das ist auch Yoruba und bedeutet soviel wie Sorry, dass ihr schon wieder herhalten müsst:)
Noch mal vielen, vielen Dank für eure Unterstützung im Namen meiner Kollegen, von Samuel natürlich und auch von mir!!
Die letzte Woche war dann schon das Zwischenseminar in Ibadan, das mit einer tollen Party für uns Freiwilligen geendet hat. Party in nigerianischem Sinne heißt eigentlich großes Zusammen-geglucke mit ganz viel Esserei und das wars:) Aber dieses Fest war wirklich schön. Wir Freiwilligen berichteten von unseren Erlebnissen aus der ersten Zeit, die Muttis und Einrichtungen erzählten lustige Geschichten über ihre Erfahrungen mit uns Deutschen. Ich trat als nigerianische Orangenhändlerin auf, die ihre Ware auf dem Kopf trägt und auf Yoruba verhandelt. Andere spielten eine Marktszene, wie es sich als Weiße anfühlt Schuhe zu kaufen, wenn alle durcheinander reden und sich ins Geschehen einmischen. Eine Trommelband rundete den Nachmittag mit traditionellen Rhythmen und Tänzen ab. Auch wir mussten mitsingen, tanzen und durften uns an den Instrumenten austesten. Natürlich keine Party ohne Essen, also wurde uns noch Maltina serviert, das Nationalgetränk hier und Tomatenreis mit Moinmoin (einem Bohnenkuchen) und Chicken (natürlich nicht für mich:) in typisch nigerianischer Schärfe.
Ansonsten war Ibadan echt anstrengend, da das Stadtleben ja bekanntlich immer etwas anstrengender ist. Man ist den ganzen Tag unterwegs, so viele Menschen um einen herum, der Verkehr (vor allem jetzt um die Weihnachtszeit) und und und. Da lebe ich lieber in Ilesa und bin ein Landei, aber schon allein die Luft ist viel sauberer und angenehmer, da es dort nicht mal in der Nacht abkühlt. Ilesa ist von Bergen umgeben und liegt weiter im Norden, was unsere Nächte gegen Morgengrauen sehr frisch und angenehm macht. Viele Leute halten sich Taschentücher vors Gesicht, wenn sie nach draußen gehen, um sich vor dem Staub und Dreck zu schützen, der während der Trockenzeit so stark aufgewirbelt wird. Hab davon schon richtig Husten bekommen und muss mich erst mal wieder akklimatisieren:)
Ich habe jetzt dank Mama einen Thermometer der mir täglich verrät wie heiß es hier wirklich ist. Und ich konnte es am Anfang nicht glauben, dass wir morgens um sieben schon 29 Grad haben! Nachmittags wird es um die 40 Grad heiß, so dass man sich am besten in klimatisierten Räumen aufhält. Natürlich nur wenn man so etwas hier hätte. Wir haben jetzt seit neuestem zwar einen Ventilator an der Decke unseres Büros hängen, der aber nur funktioniert, wenn wir Nepa, also Strom haben. Und das haben wir leider die meiste Zeit des Tages nicht… also ist wie immer Schwitzen angesagt:)
Auch in Afrika laufen die Vorbereitungen für Weihnachten in Hochtouren. Wir veranstalten für 1000 Waisenkinder, deren Eltern an Aids gestorben sind ein Weihnachtsfest mit Father Christmas, Geschenken und etwas zu Essen. Dafür haben wir lokale Firmen und Kirchen abgeklappert, um Spenden zu sammeln. Da bin ich wirklich mal gespannt, ob das alles so hinhaut oder nicht, denn wenn man bei uns in Deutschland mit der Planung erst vier Wochen vor dem Fest beginnt, geht das auf jeden Fall schief. Aber hier stellt man so manches in so kurzer Zeit auf die Beine, obwohl ich schon längst schwarzgesehen hätte. So wird denke ich auch die Veranstaltung gelingen und die Kinder bekommen Reis, Gries und Öl.
Wenn man Kinder in Nigeria nach ihren Wünschen zu Weihnachten fragt, dann sind es neue Anziehsachen, da die alten Klamotten eigentlich aus allen Nähten fallen, neue Schuhe für die Schule, da die meisten nur ein Paar besitzen oder sie freuen sich über Lebensmittel, wie Reis oder eben auch Süßigkeiten. Da ist nicht viel mit neuer Playstation oder Computerspielen. Das kann einem echt ein wenig zu schaffen machen, da man hier nicht mal allen Kindern etwas zum Anziehen oder genügend Nahrungsmittel schenken kann. Nigeria ist das 13. ärmste Land der Welt und sicherlich nicht mit uns zu vergleichen, aber ich lerne hier wirklich viele Dinge wieder ganz anders zu schätzen. Jetzt sind es nicht nur „die armen Kinder in Afrika“, sondern es sind Semilore, Ayo, Blessing, Segun, Yemi, Bolu und so weiter, die Kinder haben alle einen Namen… Aber es ist auch sehr schön, wenn man sie dann Lachen sieht, wenn sie malen oder spielen und dabei einfach nur Kind sein dürfen!
Auch an diesem Punkt noch mal Danke für all die Sachspenden vorab wie Farben, Bälle, Spiele, Luftballone usw. die hier von allen Kids heiß begehrt sind:)
Bei uns wird auf jeden Fall die Bude voll an Weihnachten, denn sämtliche Enkelkinder meiner Gastmutter kommen über die Feiertage vorbei, genauso wie sonstige Verwandtschaft. Und dann feiern ohne Kälte, Schnee und Tannenbaum?? Das kann ich mir ja noch gar nicht vorstellen! Werd auf jeden Fall nächstes Wochenende Ausstecherle backen und mir einen Punsch zusammenschustern. Denn ich war in einem na ja fast richtigen Supermarkt in Ibadan und habe mir teuren Zimt zugelegt, gemixt mit dem Früchtetee den meine Ma aus Deutschland mitgebracht hat und verfeinert mit Orangen dürfte das weihnachtsgetränkähnlich werden:)
So falls sich jemand von euch gewundert haben sollte, was der zweite Teil der Überschrift zu bedeuten hat, hier kommt die Auflösung: ich werde nach den 6 Monaten Nigeria noch weitere 6 Monate Zambia dranhängen… Die Reise geht also weiter und ich habe die Möglichkeit noch mehr Erfahrungen zu sammeln und zwei afrikanische Länder miteinander direkt zu vergleichen. Die Organisation mit der Carsten in Zambia tätig ist, hat mir angeboten in einem Waisenhaus für Kinder die ihre Eltern wegen Aids verloren haben, ein paar Gehminuten von Carsten entfernt, zu arbeiten. Ich weiß, dass das nicht allen gefallen wird, aber jetzt bin ich noch mehr oder weniger jung und ungebunden und habe so eine tolle Chance, die ich einfach nutzen möchte. Besuch ist natürlich jederzeit herzlich willkommen:) Ansonsten bin ich spätestens am 30. September zurück!
Und wirklich das schlimmste habe ich dann überstanden. Denn in Zambia gibt es eine Kantine, die auch mal europäisch kocht, eine Waschmaschine und sogar ein Krankenhaus unter holländischer Leitung. Und außerdem bin ich dort zusammen mit Carsten, meinem Husband, wie ihn meine Gastmama stets nennt, seit sie von gewissen Schwestern zu unserer Hochzeit eingeladen wurde, von der selbst ich noch nichts weiß…:) Also was will da noch schief gehen;)
Ein herzliches Dankeschön noch an all die Videobotschaftsakteure! Ich bin aus dem Lachen und Weinen gar nicht mehr raus gekommen und habe mich wahnsinnig darüber gefreut!!
Jetzt verabschiede ich mich aber für dieses mal und wünsch euch allen ein frohes und geruhsames Weihnachtsfest!!
O dabo!
Die Tanja